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ÖKOLOGIEN DER AUFMERKSAMKEIT – auf dem Weg zu einer Dehierarchisierung der Sinne

5. Oktober 2021

Die Annahme von Differenz beinhaltet keineswegs das Annehmen von Getrenntheit. In den Räumen kultureller Produktion (Museen, Theater, Universitäten, Schulen) werden bestimmte Sinne höher gewertet als andere. Welche Sinne werden dabei prioritär behandelt und gefördert? Auch wenn die europäische Philosophie das Sehen betont hat, wenn es um Erkenntnis ging, lässt sich dennoch eine Geschichte nachzeichnen, in der dem Tastsinn eine privilegierte Stellung im Zugang zur Wahrheit zukommt. Die Deutungshoheit über Erkenntnisse und deren Stellenwert liegt vordergründig oft sprachlich begründet und bedient sich – je nach Trends, Prägungen, Buzzwords – bestimmter Begriffe eher denn anderer. Aktuell macht die vermeintlich hautnahe Kommunikation über sensorische Touch-Oberflächen das Berühren zu einem wichtigen Bestandteil unserer alltäglichen Kommunikation. Wenn diese konfigurierten patentierten Kontakt-Gesten irgendwann schmerzen, wird sich häufig heilender Körperpraktiken mit Berührung bedient.

Personen, Lebensformen und Existenzweisen verfügen über ein gewisses ihnen eigenes Potenzial der Wahrnehmung und Kapazitäten, diese mit anderen zu teilen. Andere Personen, Lebensformen und Existenzweisen verfügen über andere Kapazitäten. Mit der Annahme asymmetrisch verteilter Zugänge zu Möglichkeiten oder auch, mit der Annahme von Ungleichheitsverhältnissen beginnt die Anerkennung von Differenz. Annahme ist hier im doppelten Wortsinn zu verstehen: Als eine spekulative Denkbewegung in einen Raum und seine potenziellen Konstellationen und Zukünfte hinein und als Annahme im Sinne eines Akzeptierens, eines Anerkennens (vergangener) struktureller Gewalt. Beide Bewegungen, in die Zukunft und die Vergangenheit, wirken sich auf eine gegenwärtige Situation aus. Mit der Annahme beginnt also das Anerkennen von Differenz als einer gelebten und verkörperten Umverteilung bis anhin geltender Werte und Prioritäten – von Sinn, als auch im Hinblick auf die Hierarchisierung von Sinnen.

In ihrem Beitrag unternimmt Lucie Tuma eine vorläufige Reflexion ihrer Praxis als Künstlerin, Kuratorin und Dozentin. Dabei teilt sie Fragen, Vermutungen und Übungen zur Pflege sogenannter Ökologien der Aufmerksamkeit.

Zur Künstlerin

Lucie Tuma lebt in Zürich und arbeitet mit einem erweiterten Begriff von Choreographie. Ihre Arbeiten kreisen um die Produktion von Tanz als zeit-basierter Skulptur in Zeiten, denen es an Zeit mangelt. Seit Sommer 2020 arbeitet sie als Kuratorin an der Shedhalle Zürich und verantwortet eine der vier jährlich stattfindenden Ausstellungen (Protozones 2020-2025). 2015-2017 war sie YAA! – (Young Associated Artist) am Tanzhaus Zürich. 2014 wurde ihr der Kulturpreis der Stadt Zürich für Choreographie verliehen. Ihre Arbeiten wurden in Deutschland, Dänemark, Schweden, Frankreich, Italien, Österreich, Hong Kong, Japan, Korea, Russland und in der Schweiz gezeigt. Sie unterrichtet regelmässig innerhalb und ausserhalb akademischer Institutionen (ZHdK Zürich, HKB Bern, HZT Berlin, HFK Bremen, JLU Giessen, DAI Arnheim, Garage Moscow, Ruhr-Universität Bochum).

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