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ESCALE und die wilden Kinder – oder: von der «Contact Zone» zur Kunst der Begegnung

4. Oktober 2021

Die Performance-Künstlerin Marinka Limat stellt ihre Praxis einer «Kunst der Begegnung» vor. Anhand des Projekts ESCALE zeigt sie auf, welche Prinzipien und Strategien dieser Praxis zugrunde liegen. Wie unterscheidet sich ihr künstlerischer Ansatz vom Konzept der «Contact Zone»? Gibt es Gemeinsamkeiten?

Die Frage, ob die Begegnung mit und zwischen Menschen auch eine Kunst sein könne, erschien vor der Corona-Pandemie einigen von uns vielleicht eher abwegig. Doch Social Distancing und Online Learning haben die Wahrnehmung des gemeinsam geteilten Hier und Jetzt verändert und das Bewusstsein für dessen Qualitäten (neu) geschärft.

Den Bedarf nach Räumen für Begegnungen konnte die Künstlerin jedoch auch schon davor registrieren. So haben vor gut zwei Jahren die Bewohner*innen der Berner Stadtteile Länggasse und Felsenau ihr gegenüber angegeben, dass sie sich mehr Spontaneität, Austausch und Kontakt in ihren Quartieren wünschen. Limat reagierte darauf mit dem Kunstprojekt ESCALE (frz. für «Zwischenhalt»), das im Rahmen der Projektreihe Kunstplätze der Stadt Bern während drei Wochen durchgeführt wurde.

Im Zentrum der lokalen Intervention stand ein mobiler Pavillon, in dem die Besucher*innen von Marinka Limat mit einem Set an spielerischen Übungen empfangen wurden. Die Kunstaktion kam bei den Menschen vor Ort an, so dass der Pavillon seitdem immer mal wieder von Kunstinstitutionen und Veranstalter.innen angefragt wird. Die von Limat angewendeten spielerischen Übungen sind stets Mittel und Vorwand, um gemeinsam mit den Besucher.innen an Präsenz im Raum zu gewinnen und in einen Austausch zu kommen. Für die Begegnungen selbst gibt es kein Drehbuch. Vielmehr verlässt sich die Künstlerin auf ihre Intuition und auf ein feines Gespür für ihr Gegenüber. Das Bestechende an Marinka Limats Vorgehen sei es, so beschreibt es die Kunsthistorikerin Rachel Mader als Mitglied der Kommission für Kunst im öffentlichen Raum der Stadt Bern, dass es nicht paternalistisch ausgerichtet ist, sondern von einem gleichsam freundlichen, aber sturen Interesse für das Gegenüber getrieben werde. Als Performance-Künstlerin verstehe sie ihre Gegenüber nicht als Hilfsbedürftige, sondern als Mitspieler*innen (vgl. Mader 2019 in ihrer Laudatio «Escale – Die Kunst der Begegnung»).

Die Künstlerin misst dem Pavillon als geschütztem «Gegenraum» zentrale Bedeutung für das Gelingen der Begegnungen bei. Zudem fokussiert sie auf die gemeinsam im Hier und Jetzt verbrachte Zeit, während Herkunft, sozialer Status oder soziale Rolle ihres Gegenübers für sie nicht von Interesse sind. Dies unterscheide, so die Künstlerin, die «Kunst der Begegnung» fundamental vom Konzept der «Contact Zone».

Am Fallbeispiel der «Wilden Kinder», die den ESCALE-Pavillon während der Hochrheintriennale in Hohentengen (DE) aufgesucht haben, wird Marinka Limat in ihrem Workshop aufzeigen, welche Risiken ihr künstlerischer Zugang beinhaltet und wie die Möglichkeit des Scheiterns respektive wie Zweifel und Konflikte nicht nur ein Teil davon, sondern für die Entwicklung einer Situation der Begegnung geradezu notwendig sind.

Zur Künstlerin

Für die Performance-Künstlerin Marinka Limat steht das Zwischenmenschliche im Mittelpunkt. Dieses Interesse hat sie zur «Kunst der Begegnung» geführt – einer Praxis, die zwischen den Disziplinen oszilliert und sich meist mit performativen Ausdrucksformen verbindet. Für ihre Projekte legt sie lange Strecken zu Fuss im Namen der Kunst zurück («Kunst-Pilger-Reise», 2013–17) oder sie bringt Augenblicke der Kunst in den Alltag von Menschen (ESCALE, seit 2019). Limat studierte an der Hochschule der Künste in Bern und an der Kunsthochschule Berlin-Weissensee. Sie ist bilingue und lebt in Fribourg, wo sie 1983 geboren wurde.

Weiterführende Links:

ESCALE Bern 2019. Kontextualisierung von Prof. Dr. Rahel Mader (PDF)
ESCALE Bern, Dokumentation im Archiv Applied Fine Performing Arts HGK FHNW (Website/Video)
ESCALE Aarau 2021, Forum Schlossplatz (Webseite Veranstalter)
ESCALE Hochrheintriennale Hohentengen 2021 (Webseite Veranstalter)

Bild: Marinka Limat

Video

Mehr Begegnung, mehr Leben draussen, mehr Überraschung im Quartier – um diese Wünsche der Bewohnenden drehte sich das Projekt der Performance-Künstlerin Marinka Limat in der Länggasse und im Rossfeld in Bern. Das Projekt war 2019 der erste Gewinnerbeitrag im Wettbewerb «Kunstplätze» der in der Stadt Bern realisiert wurde.

ESCALE, französisch für Zwischenhalt, nennt die Fribourger Künstlerin Marinka Limat ihr Projekt im Stadtteil II. Am Ort des Geschehens richtete sie im Mai 2019 einen, wie sie sagt, «künstlerischen Aktionsraum» ein. Hier wurden Begegnungsmomente mit und für Quartierbewohnende geschaffen – etwa bei einem gemeinsamen marokkanischen Abendessen, einer Musikveranstaltung, einer Ausstellung, einem Näh- oder Siebdruckworkshop oder einem Treffen mit den sogenannten Waldmenschen aus dem Bremgartenwald. Drei Wochen lang fanden diese Veranstaltungen in einem eigens dafür gebauten mobilen Pavillon statt.

Der Pavillon wurde am 4. Mai 2019 in der Wendeschlaufe des 12er-Bus in der Länggasse eröffnet. Das tägliche Programm richtete sich je nach Aktion an verschiedene Gruppengrössen und konnte unentgeltlich von allen Interessierten aus der Nachbarschaft wahrgenommen werden. Gemeinsame Erfahrungen und Kontakte standen im Mittelpunkt.

Das Video des Berner Filmemachers David Röthlisberger vermittelt Eindrücke aus den Begegnungen vor Ort. Im Anschluss an die 20-minütige Dokumentation erzählt Marinka Limat im Gespräch mit André Vladimir Heiz über das Projekt und ihre künstlerische Praxis als einer Kunst der Begegnung.

Bild, Ton, Schnitt: David Röthlisberger

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